Hallo Tastenjunkie,
wieder mal ein glänzender Beitrag, der vieles sehr schön ausdrückt. Ich teile das allermeiste Deiner Ansichten und Erkenntnisse vorbehaltlos!
Was ich gerne herausstreichen würde, ist der m.E. sehr große klangliche Unterschied zwischen Klavier und
flügel. Selbst die besten Klaviere klingen nach - Klavier. Kennt man nur halbwegs gute Flügel, oder ist man solche gewöhnt, dann ist man mit so etwas wohl einfach nicht mehr zufrieden. Kennt man nur sein Klavier und nichts anderes, kann man es durchaus richtig doll lieben und nichts anderes auf der Welt wollen - mir selbst gings lange Zeit so.
Was das V angeht, so stellt es - klanglich - m.E. jedes Klavier in den Schatten, weil es eben doch recht deutlich schon den Klang eines langen Flügels in einer Halle rüberbringt (aber das sind langsam Details, die ja auch in meinem Faden irgendwo stehen...).
Wenn Du sagst, daß ein
"akustisches Klavier eigentlich besser wäre, bzw. das Ziel sein sollte", dann kommt es natürlich auf die dahinter stehende grundsätzliche Zielsetzung an. Wenn man irgendwann an mechanischen Instrumenten spielen muß, oder genau weiß, daß man irgendwann nur noch dieses tun will, dann ist natürlich das Original zum Üben geeigneter. Und zwar, je früher, desto besser.
Ein D-Piano hat zum Beispiel eine
perfekte Klaviatur, wo jede Taste gleich repetiert, auslöst etc. Im Grunde ist das natürlich eine feine Sache, aber am mechanischen Instrument kann es über die Klaviatur hinweg Unterschiede geben, und mit solchen muß man umgehen können. Ein etwas ausgelatschteres Instrument kann da schon wirklich recht übel sein. Man könnte zusammenfassend sagen: ein mechanisches Instrument
ist letzten Endes einfach etwas diffiziler anzufassen.
Und das muß man ggf. lernen - und vieles hängt auch vom Anspruch ab, und von dem Level, das man erreichen möchte. Konzertpianisten können einen guten Konzertflügel
kalt oder
warm klingen lassen - man überlege, nicht etwa nur laut und leise. Und bei solchen Dingen sind wir dann ganz definitiv jenseits der Grenzen heutiger Instrumentensimulationen. Was den professionellen Bereich angeht, gibt es auch von der Klaviatur her bald mal Grenzen. Das Spielwerk eines
steinway-Flügels ist nicht umsonst mechanisch so diffizil ausgelegt wie es ist - es ermöglicht nunmal einem Pianisten, die tollsten Dinge anzustellen. Wie soll eine mechanisch relativ simple Anordnung im D-Piano so etwas leisten können? Nur, das sind Kategorien, die eben 99,9% aller Klavierspieler nie erreichen. Bis die Klaviatur beispielsweise des V-Pianos nicht mehr "ausreicht", glaube ich hat man als Hobbyspieler schon einen ganzen Haufen gelernt. Aber im Grunde sind sich da alle einig: für den Profi-Bereich sind wirklich nur gute Flügel angesagt. Ein Rennfahrer wird auch nicht mit einem Golf GTI auf der Rennstrecke üben, um dann im Rennen in den Ferrari zu steigen...
Zitat:
"Die Amateure und Profis, die das V-Piano (zu Recht) so lieben sind sich übrigens weitgehend einig, wo es seine Berechtigung hat, nähmlich in Studios, die für einen Flügel zu klein und/oder zu arm sind."
Das "Studio-Argument" habe ich niemals so ganz verstehen können. Angenommen, ich höre einen Werbespot, mit Musik für einen Flügel. Dann hört man (bzw. ich) nun wirklich sofort, daß es ein echter Flügel ist, in einer guten Akustik undsofort. So etwas dann dem V-Piano übertragen...? Da hätte ich echte Hemmungen, das mal über den Äther zu schicken, denn das V hat eben definitiv auch seine Grenzen. Und ein Synthesizer ist das V eben auch nicht. Allerdings weiß ich auch nicht, was Studios denn so in der Regel treiben...
Ich witzele für mich selbst immer, daß die Hauptclientel für das V wohl Privatpersonen sind, die hobbymäßig spielen und das entsprechende Geld locker machen können. Ich glaube nicht, daß jemand der sich finanziell echt strecken muß, sich dann das V zulegt. In diesem Fall tun es auch viel günstigere Geräte, die ja - wie Du schon sagtest - nun wirklich nicht als "schlecht" bezeichnet werden können.
Zitat:
"Roland RD700GX). In dieser Zeit war es für mich die sinnvollste Lösung. Ich habe beträchtliche Fortschritte gemacht, trotz Digi. Jetzt habe ich ein Klavier und gräme mich natürlich über jeden Tag, den ich gezwungen war, auf dem Digi zu üben"
Das
Roland ist ja - glaube ich - schon mal ein recht gutes Gerät (gewesen). Aber hast Du den Umstieg auf das Klavier wirklich als
so eine große Katastrophe und Schwierigkeit empfunden, wie es sich dort liest? Gut, man sollte gewisse Sachen noch mal von Grund auf neu "hochziehen", damit es dann paßt, und man muß sich eben an das etwas andere Feeling gewöhnen. Aber geht das nicht - relativ - fix? Ein Instrumentenwechsel bringt natürlich
immer grundsätzliche Schwierigkeiten mit sich: etwas andere Auslösung, Lautstärke usf. da gibt's vieles...
Zitat:
"ich habe das beste draus gemacht. Ich habe mal ein paar mittelschwere klassische Stücke auf meinem Stage-Piano vorbereitet und auf einem Steinway B im Saal eines Standesamtes zu einer Hochzeit vor 80 mucksmäuschenstillen Leuten zum Besten gegeben (ohne vorheriges Probespielen des Flügels). Verdammt, das war eine Rutschpartie!"
Also
dafür zolle ich Dir aber wirklich den höchsten Respekt. Praktisch "kalt" von Digi auf mechanisch, und dann noch Vorspielen in solch einer Situation. Ich spiele recht selten ab und zu mechanische Instrumente an, so zur Abwechslung, dieses andere Gefühl, den Klang mal wieder. Meistens bin ich enttäuscht wie verstimmt sie sind, das hört man nämlich dann sofort. Und auch der Klang eines durchschnittlichen Flügels in einem mittelgroßen Raum holt mich praktisch nicht hinter dem Ofen hervor.
Aber es braucht doch eine gewisse Zeit, bis ich sagen kann: nun klingts auch schön auf dem anderen Instrument. Und da spielt sicher auch der von mir beschriebene "Wechsel zu einem anderen Instrument" generell eine Rolle.
Zitat:
"Lieber ein Digi sinnvoll nutzen und darauf Fortschritte machen, als Konzertflügel propagieren nur um sonntags auf dem Bösendorfer "Für Elise" zu spielen !!! "
man kann sich bekanntermaßen auch einen Stutzflügel als Prestigeobjekt und Staubfänger in die Oberklassewohnung stellen ;)
Zitat:
"Übrigens wurden schon in den 50ern oder noch früher lange vor der digitalen Zeit "Stage-Pianos" erfunden. Elektromechanisch: Wurlizer, Fender Rhodes... Die waren zunächst auch nur als Klavierersatz gedacht und haben sich in Jazz und Pop als eigenständige (Tasten-)Instrumente etabliert. Es lebe die Vielfalt!"
Irgendwer schrieb, D-Pianos seien "keine eigene Gattung". Natürlich sind sie das nicht wirklich - sie
wollen ja ein Flügel/Klavier sein. Synthesizer sind die entsprechende eigene Gattung. Welche es als eigenständige rein elektronische Musikinstrumente zu einem
wirklich phantastischen Gestaltungsmittel der Pop-Musik gebracht haben.
Viele Grüße!
Dreiklang