Hallo zusammen,
ich schreibe mal einfach drauf los wie der Aufnahmetag am 21.1. im Stilwerk bei Bechstein Düsseldorf gelaufen ist.
Zunächst hatte ich im Vorfeld wenig Informationen vorliegen was mich erwartet, d.h.:
1.) Ich wusste nicht welcher
flügel bereitstehen würde
2.) Ich kannte den Saal nicht, und damit keinen Eindruck wie er akustisch wirkt
3.) Ich kannte die Abmessungen der Bühne und Abstand zur ersten Sitzreihe nicht.
Was ich wusste war:
1.) Es wird Piano solo geben
2.) Es werden Lieder vorgetragen in Begleitung des Piano (Stücke für Sopran und Stücke für Tenor)
3.) Es werden Stücke mit Piano und Violine vorgetragen
4.) Der Programmablauf war mir bekannt... (darauf komme ich später noch zurück)
Ich habe mir Tage vorher grob ein grundsätzliches Setup vorgestellt, nach dem Motto: Wenn Dich das erwartet, könntest du folgendes machen,....wenn dich das erwartet kannst du das umsetzen. Hier die Balance zu finden sich nicht a priori festzulegen und damit sich selbst in den Möglichkeiten zu beschränken ist nicht einfach. Eigentlich sollte man Vorort völlig erwartungsfrei die Sache starten. Leider hatte ich nur ca. 2h Vorbereitungszeit. Deshalb habe ich mir mehrere Optionen überlegt.
Also mit den Ideen morgens um 8 am Samstag zum Stilwerk und um kurz nach 9 war ich im Saal. Leider konnte ich terminlich am Vortag zu den Proben nicht erscheinen. Ich hätte mir gerne ein Bild gemacht und mir den Klang an verschiedenen Orten um den Flügel herum angehört, aber zeitlich passte es bei mir nicht.
Also....rein in den Saal und erst mal mein Equipment reingewuchtet und alles zusammengebaut. Stative, Schienen, Mikrofonhalter, Kabel sortiert, Rekorder aufgebaut, Stromversorgung, etc....
Folgendes habe ich verwendet:
Rekorder: 10-Kanal Digitalrekorder Zoom F8 (8x Input + 2 Kanal Outputmix) mit externem 12V Akkupack, Speicher: Transcend 2x 128 GByte SDHC Karten
Mikros: 2x Neumann KM184, 2x Oktava MK 012, 1x Aston Origin
Stative: ausschließlich K&M Schwenkarmstative, 2x Stereoschienen, Mikrofonhalter
Kabel: diverse Codial XLR Kabel
Zum Glück haben sich die Pianisten ab 9 Uhr eingespielt, so konnte ich mich nach dem Zusammenbau darauf konzentrieren dem Flügel zuzuhören. Der 2,80m große Bechstein war offen und ich lief in verschiedenen Abständen um ihn herum um den Sweetspot zu suchen. Es gilt ein einfaches Gesetz: Höre dem Flügel in verschiedenen Abstände und Höhen zu. Dort wo es sich gut anhört ist fast immer auch ein guter Ort für Mikrofone.
Nur leider ist dies ein Livekonzert. Ich kann also nicht frontal in 1,5m Abstand zur Beuge einfach ein Stativ aufstellen, da hier die Gesangssolisten stehen werden.
Was bei großen Flügeln fast immer geht ist die sogenannte "tail end" Aufstellung. Dabei werden die Mikrofon am langen Ende des Flügels aufgestellt, so dass sie quasi in Flucht mit der Längsachse auf die Saiten/Reso zeigen. Guter Mittelwert ist ca.1,5 bis 2 m Abstand zum Flügelende. Manchmal etwas nach vorne versetzt. Die Mikros sind dabei auf ca. 1,5 bis 1,6m Höhe als AB40 (40cm Abstand) angebracht.
Das habe ich also gemacht, und sollte somit für den Flügel mein Hauptmikrofon werden.
Dann wollte ich etwas Atmosphäre einfangen und habe ein EBS-System in ca. 2,5m Entfernung genau vor die Mitte der Bühne (Flügel) gestellt. Höhe ca. 1,40m. EBS bedeutet: die Mikros zeigen nach außen und bilden einen Winkel von 90 Grad. Die Mikrofonkapseln sind dabei genau im Abstand von 30cm. Warum EBS und nicht ORTF oder NOS, XY,AB etc...? EBS ist extrem anwenderfreundlich. Die Hauptachsen der Mikrofone zeigen links und rechts auf die seitlichen Grenzen des Flügels und das gewährleistet das die Stereoabbildung in den Lautsprechern der Klangkörperausdehnung entspricht.
Weiterhin kann EBS sehr gut mit AB Spuren gemischt werden. Ich scheue davor XY mit AB zu mischen, da XY für die Stereoabbildung nur Druckunterschiede für L+R erkennt und AB zu großen Teilen Laufzeitunterschiede für L+R. EBS und AB sind kompatibler. Stichworte, wer mehr lesen will, sind: Äquivalenzstereofonie und Laufzeitstereofonie.
Also hatte ich nun ein Setup für den Flügel. Für die Solisten habe ich ein Aston Origin verwendet, das ich je nach Bedarf (Violine oder Gesangsstimme) aufgestellt habe. Bei der Violine hing das Mikro in ca. 2,4m Höhe und zeigte schräg von vorne auf die Violine. Die Sänger standen oder saßen vor dem Flügel, quasi vor der Beuge. Das Mikro habe ich in der Höhe so aufgestellt, dass die Sänger/-innen knapp über das Mikro hinwegsingen konnten und der Blick auf das Publikum fast frei war. Durch den Abstand von ca. 1 bis 1,5m spielte der Winkel zwischen Kopf und Mikro nicht wirklich eine Rolle.
Bei einer Live-Aufnahme muss man als Tontechniker Rücksicht auf die Künstler und Publikum nehmen. Ich kann nicht einfach da was aufstellen wo ich möchte. Es ist halt keine Studiosituation.
Spannend wurde es beim Wechsel innerhalb einen Konzertes. Gerade noch eine Sonate gespielt, dann plötzlich ein Stück für Klavier und Gesang. Da musste ich fix umbauen.
Das gleiche galt für den Flügel.....Bei Solostücken mit Deckel offen.... als Begleitung wurde er fast zu gemacht (1/3 offen). Damit war meine "tail end" Aufstellung hinfällig. Also spontan nach einer Lösung gesucht. Da die Sänger/-innen in der Beuge standen/saßen habe ich das AB40 Hauptmikro dann dichter an den Flügel und tiefer gestellt, so dass die Mikros in den Spalt "geschaut" haben. Mit 2,8m Länge hatten Sänger/-innen und Mikro zusammen Platz.
Einen kurzen Schreck hatte ich bekommen als innerhalb eines Konzertes die Reihenfolge der Vorträge getauscht wurde. Erst als der Moderator das nächste Stück ankündigte bemerkte ich, da stimmt etwas nicht. Also geschwind während der Moderation wie selbstverständlich das Solisten-Mikro umgebaut. Weiter geht's....puuuhhhh...
Leider war am Anfang des Konzerttages die Klimalüftung im Saal derart laut, dass ich das ziemlich laut auf meinem Monitorkopfhörer gehört habe. Später wurde auf mein Bitten hin die Lüftung runtergeregelt, jedoch war sie immer noch hörbar. Aber.....wie durch ein Wunder ging die Lüftung um 20 Uhr komplett aus... also perfekt für die Winterreise und Protschka / Iva Jovanovic.
Ich habe das AB Hauptmikro als Stereospur und das EBS-Mikro als Stereospur getrennt aufgenommen und gespeichert. Das Solo-Mikro ebenfalls als Single-Track Datei.
Zuhause mache ich dann das Mixing, Processing und Mastern.
Es sind ca. 30 Gigabyte an Daten zusammengekommen. Alle Spuren habe ich als 24Bit 88 KHz PCM aufgenommen.
In der Nachbereitung gehe ich behutsam vor:
1.) Ganz ganz wenig EQ (Also Frequenzgangkorrektur)
2.) bei der Dynamik des 2.8m Flügels, die reichlich ausgenutzt wurde, und der Gesangsstimmen ist Kompression leider nötig, da das sonst auf Lautsprechern daheim nicht gescheit anzuhören ist.
3.) Reverb, also Hall hinzugefügt. Hier benutze ich PianoVerb 2 von PSP.
4.) Mixing, also mit verschiedenen Pegeln alle Kanäle auf L+R Stereospur mischen.
Ich mache kein Paning ( Stereobild verändern), keine sonstigen Effekte oder Eingriffe in den Sound.
lg
Dirk