Hallo zusammen,
ich habe den Faden auch endlich einmal durchgelesen (was ich schon länger tun wollte, es aus Zeitgründen aber noch nicht getan hatte) - es ist auch meiner Meinung nach ein extrem wichtiges Thema, an dem man glaube ich lange, wenn nicht sogar immer, arbeiten kann. Ich habe ihn genau jetzt durchgelesen, weil ich gerade eben auch daran gearbeitet habe und nun lesen wollte, was ihr dazu meint und wie ihr das Zuhören, das "sich neben sich Stellen" trainiert.
Ich finde es sehr interessant, dass so viele verschiedene Leute die jeweiligen Unterschiede darstellen, die ihnen auffallen zwischen der Wahrnehmung beim Spiel und beim Anhören des Gespielten. Genauso interessant und bereichernd finde ich es, dass jeder seine Ideen dazu beiträgt, wo man ansetzen könnte - denn wie hier schonmal jemand geschrieben hat, gibt es sicher kein "Patentrezept" in dem Sinn - weder für eine Person noch für alle Stücke.
Wir haben ja gesehen: Der eine rät dazu "vorzuhören", z.B. um das richtige Tempo aus einer Stelle irgendwo mitten im Stück zu kriegen; der andere rät gerade dazu nicht vorzuhören, da dies die Konzentration von dem tatsächlich Hörbaren ablenkt hin zu dem, was wir hören wollen. Ich persönlich glaube nicht, dass es da EINE einzige richtige Option gibt, sie hängt nicht nur von Mensch zu Mensch ab, sondern auch noch von Stück zu Stück (so sehe ich es zumindest bei mir momentan).
Umso besser, dass jeder hier dazu beiträgt und schreibt, was er bei sich beobachtet und was ihm wie hilft. Daher möchte ich meinen Teil nun auch dazu beitragen:
Ich beobachte folgende Probleme:
Zitat von rolf:
aber ich höre hinterher bei mir manchmal rubati (besonders accelerandi), die ich eigentlich nicht machen wollte und während des spielens gar nicht wahrgenommen hatte...
...das ist bei mir sicherlich das, was die größte Diskrepanz zwischen Spielenhören und Hörenhören ausmacht. Aber sogar in beide Richtungen: Meist mache ich zwar rubati oder ritardandi, die ich beim Spielen nicht wahrgenommen hatte und mache damit die Linien kaputt - das ärgert mich dann hinterher sehr...
Aber manchmal denke ich beim Spielen auch, dass ich bereits viel zuviel ritardando oder rubato gemacht habe (bei Stellen, an denen ich gezielt eines machen wollte) und dass ich es zumindest nicht noch deutlicher zeigen sollte. Die Aufnahme zeigt allerdings manchmal, dass man es so gut wie gar nicht heraushört...
Das hängt (zumindest bei mir) glaube ich mit einem Phänomen zusammen, das Rolf auch beschrieben hat: Ich nehme ebenfalls das Tempo beim Spielen immer langsamer wahr als es ist. Als mich letztens meine Klavierlehrerin darauf angesprochen hat, was ich für ein irres Tempo in der Gigue meiner Bach-Suite angeschlagen hätte - da habe ich es fast nicht glauben können, da sie mir total gemütlich und fast schon langsam vorkam. Genauso die Allemande, die meiner Meinung nach immer eine gewisse Ruhe braucht (auch Fluss, ja, aber man darf vor lauter Fluss die Ruhe nie verlieren) - ich fand sie beim Anhören schließlich einen Tick zu schnell.
Was sind meine Strategien, die ich anwende?
Im Wesentlichen sind sie schon genannt worden:
Zitat von bachopin:
2.eine bestimmte geeignete (wichtige) Stelle des Stücks als Temporeferenz nehmen und diese Stelle sich in Gedanken vorstellen und spielen und daraus das Tempo ermitteln
Das hilft mir oft, das richtige Tempo zu finden - bei einem Prestosatz Mozart z.B. mittendrin eine Achtelstelle, an der ich das Tempo einfach immer sicher spüre - bei der Allemande meiner Bachsuite die Mittelstimme in der linken Hand, da diese Sechzehntel enthält, die aber ebenfalls ihre Ruhe brauchen, um gestalten zu können - in der Chopin Etüde die Harmonieabfolge von Takt zu Takt usw...
Was mir außerdem hilft, ist eine Art "inneres Metronom" anzuschalten. Auch hier, je nach Stelle und Stück sehr unterschiedlich: Bei schnellen sechzehntel-Stellen z.B. denke ich manchmal "Tackatackatackatacka...", dann laufen sie nicht so schnell weg. Bei anderen Stücken stelle ich mir sogar manchmal vor, ich müsste es dirigieren - dann halte ich auf einmal das Tempo wunderbar (Gigue aus der Bachsuite, aber auch der Prestosatz der Mozartsonate - da denke ich sogar a quattro battute, also einen Schlag pro Takt, vier Takte zusammen, also quasi als müsste ich einen vier Viertel Takt dirigieren).
Ansonsten:
Zitat von hasenbein:
Öfter mal mit geschlossenen Augen spielen!
Ich spiele fast ausschließlich mit geschlossenen Augen. Es erhöht in der Tat sehr die Aufmerksamkeit aufs Hören - allerdings läuft man auch Gefahr, dass man sich auf einmal wundert, wenn man rausfliegt, wo genau welche Tasten sind... :p
Und für diesen Beitrag, Hasenbein, möchte ich dir ausdrücklich danken:
Zitat von hasenbein:
Übt, alle Nuancen des Klavierklangs wahrzunehmen!
Spielt einzelne Töne oder Akkorde. Nehmt wahr, daß nicht nur ein Ton erklingt, sondern auch Nebengeräusche. Nehmt wahr, daß diese je nach Tonhöhe und Anschlagsart unterschiedlich sind. Untersucht, woher die Nebengeräusche kommen. Spielt mit Pedal und hört die Nebengeräusche des Pedals. Spielt einen tiefen Ton und versucht, die Obertöne (z.B. Duodezime) herauszuhören; nehmt wahr, daß ein Ton nicht nur ein Einzelton, sondern bereits ein Mehrklang ist. Spielt einzelne Töne und hört, ob er gut gestimmt ist und inwiefern Schwebungen durch unterschiedliche Stimmung der Einzelsaiten zu hören sind.
Wie Recht du hast und wie schwer es ist, all das perfekt zu vereinen. Wenn man beim Üben alleine im Zimmerchen sitzt - dann traue ich mich, meine Konzentration auf all solche Dinge zu richten - aber wenn ich im Vorspiel bin oder wie bald, in der Aufnahmeprüfung, schalte ich ein gutes Stück zurück in den "Sicherheitsmodus"...
Und genau dieser "Sicherheitsmodus" ist es meiner Meinung nach, der viel von dem Im-Moment-Spielen und vom Neben-Sich-Stehen-und-Zuhören kaputt macht. :-?
So, jetzt gehe ich noch ein bisschen in Köln spazieren - hatte heut Gehörbildung und Theorie, Montag hab ich Klavierprüfung. Ich hoffe, dass ich es schaffe, mir am Montag gut zuzuhören. Die größte Befürchtung, die ich habe, ist, dass mein Sicherheitsmodus zu sehr greift. Eigentlich sagte mir jeder, dem ich vorgespielt habe, dass ich gerade das Hören beim Spielen sehr gut könne - aber ich bin einfach immer noch hinten und vorne nicht zufrieden damit. Es könnte so viel besser sein... Aber das kann es wahrscheinlich immer, oder? Was sagen die Experten unter euch?
Ich schließe mit einem Satz, den mir meine Klavierlehrerin vor ein paar Tagen mit auf den Weg gegeben hat: "Du musst dir zuhören, als würdest du im großen Saal in der letzten Reihe sitzen."
liebe Grüße,
Partita